un-po.jpg un-po.jpg un-po.jpg

UN PO' DI PAZIENZA

 

Mehr Geduld, bitte! Nur wer Italiens Rotweinklassikern etwas Zeit gibt, kann ihre enorme Aromenpracht entdecken.

 

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die Weine der Welt schlüssig in Gruppen einzuteilen. Weiß- oder Rotwein, trocken oder lieblich, feminin oder maskulin, die Liste kann lange weitergeführt werden. Wenn es um Italiens Rotweine geht, dann kann man diese in zwei Gruppen unterteilen. Einmal gibt es Weine, die einfach „lecker“ sind. Das sind die kulinarisch Hilfsbereiten, die in jedem italienischen Restaurant einem breiten Publikum zu Pizza und Pasta Genuss bieten. Dann gibt es noch die großen Klassiker, an die sich zunächst nicht jeder herantraut. Die Rotweine, die in der Jugend schon einmal ruppig daherkommen. Hinter ihrer Kratzbürstigkeit verbergen sie allerdings einen so ungeheuren Tiefgang und eine solche Vielschichtigkeit, dass es sich lohnt, auf ihre Trinkfertigkeit zu warten. Doch mit der Geduld ist das so eine Sache.

Italien-1.jpg ⒸID 398640148 Bruce Amos/Shutterstock.com

Potenzial mit Happy End

 

Wer den Film „The Best Exotic Marigold Hotel“ gesehen hat, der kennt den Spruch des pfiffigen Hoteldirektors (gespielt von Dev Patel), der seinen Gästen immer zurief: „This is the happy end – and if you are not happy, it’s not yet the end!“ Ein Motto, das auf die meisten italienischen Rotweinklassiker zutrifft, deren Genusspotenzial davon abhängt, wie viel Flaschenreife ihnen der Genießer gönnt. Allen voran der majestätische Barolo aus der Rebsorte Nebbiolo, der seine berühmte Aromenpracht erst zeigt, wenn er sein enormes Tanningerüst abgestreift hat. Wer die Flasche also zu früh öffnet, kann zwar stets das Potenzial eines großen Weines erahnen, ärgert sich aber doch, weil er nicht auf das Happy End gewartet hat. Es ist ebendiese Fähigkeit, durch Flaschenreife an Komplexität zu gewinnen, die die großen Klassiker wie Barolo oder Brunello von den Weinen unterscheidet, die einfach nur „lecker“ sind.

 

Die besten Bedingungen


Die Heimat des Barolo liegt zwischen Schweizer Alpen und Mittelmeer, im Norden Italiens. Hier im Piemont findet die Rebsorte Nebbiolo auf den kalkhaltigen Böden und in einem milden, konti-nentalen Klima die besten Bedingungen. Tagsüber wird es warm und sonnig genug, dass die Trauben ausreifen können. Nachts sorgen kühle Temperaturen dafür, dass Säure und raffiniertes Aromenspiel erhalten bleiben. Kleinste Unterschiede in Bodenprofil oder Ausrichtung der Weinberge zeigen Auswirkungen auf den Geschmack des Nebbioo. Das Weingut Vietti wusste dies bereits in den 1960er-Jahren zu nutzen und baute pionierhaft seine Weine getrennt nach Lagen aus. Seitdem haben Namen wie Villero oder Lazzarito einen guten Klang in der Weinwelt. Großes Augenmerk legte man bei Vietti auch immer auf den klassisch in großen Holzfässern ausgebauten Castiglione. Er stellt eine Cuvée aus verschiedenen Spitzenlagen dar und repräsentiert damit am ehesten das gesamte Barolo-Gebiet. „Während unsere Crus für ihr Terroir stehen, ist der Castiglione unsere Visitenkarte aus dem Barolo“, erklärt Kellermeister Luca Currado die besondere Stellung des Castiglione in seinem Portfolio. Ein Wein, der mit seinen typischen Aromen von Heckenrose, Wildblumen, Tabak, Trüffel, Herbstlaub, roten Früchten und Teer sowie mit einem kraftvoll geschliffenen Tanningerüst verzaubert.

Italien-3.jpg ⒸID 564129025 hlphoto/Shutterstock.com

Wein zum Essen muss es sein


Ein anderer großer Pionier aus dem Piemont ist Elio Altare, der neben moderneren Kellertechniken auch als erster Winzer kleine Holzfässer aus französischer Eiche für den Ausbau benutzte. Sein Ziel war es, das oft massive Tanningerüst des Barolo geschmeidiger und früher zugänglich zu machen, ohne dabei an Reifepotenzial einzubüßen. Diese Neuerung hatte damals die Winzer polarisiert und in Modernisten wie Elio Altare und Traditionalisten geteilt, die auf eher harschere Extraktion der Tannine während der Vergärung und langen Ausbau in großen Fässern setzten, bei dem oft jegliche Fruchtaromen verloren gingen. Mittlerweile spielen diese Meinungsverschiedenheiten keine Rolle mehr. Schließlich kommt keiner mehr an dem Wissen um eine gute Weinbereitung vorbei, und kaum jemand ist noch Anhänger von den holztriefenden Weinen, wie sie in den 1990er-Jahren entstanden. Elio Altare war immer ein großer Meister des Barolo und des Barriqueausbaus und hat damit bewiesen, dass Tradition eben nicht bedeutet, unreflektiert zu verharren, sondern den vitalsten Teil aus der Vergangenheit zu nehmen und innovativ in die Zukunft zu führen. Die kräftigen und hochklassigen Barolos genießt man am besten zum Essen. Zum Maibock oder zu Morcheln kommen die Vorzüge eines gereiften Barolo am besten zur Geltung.

Herrlich kratzbürstig


Neben Nebbiolo entstehen in Italien Spitzenweine aus der Rebsorte Sangiovese, die in ganz Mittelitalien verbreitet ist. Vor allem in der Toskana bringt sie in verschiedenen Appellationen hervorragende, eigenständige Weine hervor. Allen voran den Chianti, der von einer frischen Säure und Sauerkirschfrucht lebt, die fein mit mediterraner Würze verwoben sind. Spaß macht am Chianti aber vor allem sein zupackendes Tanningerüst, das in der Jugend herrlich kratzbürstig sein kann, aber einem Spitzen-Chianti Struktur und Reifepotenzial mitgibt. Geschmeidiger kommen die Weine aus dem Montalcino daher. Die Region liegt weiter südlich und verfügt über ein wärmeres und trockeneres Klima, das den Gerbstoff und die Säure des Sangiovese runder ausfallen lässt. Innerhalb der Region gibt es allerdings Unterschiede.

So sind die Weinberge im Nordosten der Region höher gelegen und deshalb etwas kühler. Hier liegt die Spitzenlage „La Casa“ des Weingutes Caparzo. In der ca. fünf Hektar großen Südlage können die Reben ihre Wurzeln tief in den sogenannten „Galestro“-Boden graben, eine Mischung aus Lehm und Schiefer. Die Kombination aus diesen natürlichen Faktoren macht den „La Casa“ zu einem der elegantesten, burgundischen Varianten des Brunello. Früher zugänglich sind die Brunellos von Poggio al Sole und der Cantina di Montalcino. Die Weine stammen aus allen Bereichen der Region, auch aus dem wärmeren südöstlichen Teil, und leben von ihrer vollmundigen Frucht und ihrer saftigen Struktur und können auch jung schon gut genossen werden.

Italien-2.jpg ⒸID 577591360 Songquan Deng/Shutterstock.com
Italien-4.jpg ⒸID 318755573 Africa Studio/Shutterstock.com

Der Garten Italiens


Die fruchtbare Region Veneto, die schon mal als „Garten Italiens“ bezeichnet wird, ist für viele Publikumslieblinge von Prosecco über Pinot Grigio bis hin zum vollmundigen Amarone della Valpolicella bekannt. Die Weinberge der Region Valpolicella befinden sich rund um Verona, wo aus mehreren autochthonen Rebsorten der einfache Pizzabegleiter Valpolicella entsteht, aber eben auch erstklassiger Amarone gekeltert wird. Ein Wein, der seinen Geschmack vor allem durch seine aufwendige Bereitungsmethode erhält.

Für den dichten und saftigen Rotwein werden die Trauben rund drei Monate lang getrocknet, bevor man sie weiterverarbeitet. In dieser Zeit verlieren die Beeren Wasser, und die Aromen verdichten sich. Außerdem werden die Gerbstoffe bereits in der Traube weich und rund. Das ist das Geheimnis eines guten Amarone. Herrlich, diese dicke Schicht an Gerbstoffen, die wie Zartbitterschokolade im Mund zerschmilzt. Hinzu kommt natürlich ein hoher Alkoholgehalt, der zusammen mit den hohen Extraktwerten jeden Amarone harmonischtrocken wirken lässt. Wird der Amarone wie der „Punta di Villa“ von Mazzi noch dazu 30 Monate in Holzfässern gereift, ist der Wein trinkfertig, wenn er auf den Markt kommt. Es gibt also zumindest einen Rotweinklassiker in Italien, bei dem man als Weinfreund ausnahmsweise nicht lange auf ein Happy End warten muss.

Von Romana Echensperger, MW (ist Master of Wine und schreibt und berät in Sachen Wein)