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WEIN OHNE GRENZEN

 

In schweren Zeiten braucht man gute Freunde. Als die steirischen Winzer 2016 Jahr mit schweren Frostschäden und Ernteausfällen heftig zu kämpfen hatten, waren kreative Ideen und Zusammenhalt gefragt. Hilfe suchte und fand man bis weit über die Landesgrenzen hinweg bei befreundeten Winzern. Von Peter Weirather

Wer in Österreich an Welschriesling, Sauvignon Blanc, Weißburgunder oder Muskateller denkt, der landet in der Steiermark. Daran wird auch der Spätfrost im April 2016 nichts ändern. Allerdings stellte er die Winzer vor große Herausforderungen. Sie erinnern sich wahrscheinlich: Ende April 2016 wurde Österreich von einem verspäteten Wintereinbruch heimgesucht. Es fiel bis zu 50 Zentimeter Schnee, und es gab eine Serie von Frostnächten, die für verheerende Schäden sorgten. Betroffen waren alle Weinbaubundesländer, aber die Steiermark erwischte es wohl am schlimmsten. Niemand in der Steiermark kann sich an einen so späten Frost mit derart katastrophalen Auswirkungen erinnern. Nun gehört es zu den Tücken der Landwirtschaft, dass die Erträge schwanken, aber 2016 hatten viele steirische Winzer Erträge von gerade mal 20 Prozent.

Kreative Ideen sind gefragt


„Für uns war das eine Katastrophe. Vor allem in der Basis fehlte uns der Wein“, erzählt Hannes Sabathi. Er ist einer der Winzer, die in den vergangenen Jahren zu den Stars der steirischen Weinszene aufgestiegen sind. So einer verschwindet wegen einer Missernte nicht plötzlich wieder von der Bildfläche. Da sind kreative Ideen gefragt. Wenn man die Südsteirische Weinstraße entlangfährt, dann kommt es schon vor, dass man mit zwei Rädern auf slowenischem Hoheitsgebiet rollt und mit den beiden anderen auf österreichischem. Einige bekannte Weinlagen wie Zieregg oder Hochgrassnitzberg gehen nahtlos in slowenische Weingärten über. Es war also naheliegend, sich bei den Nachbarn umzusehen. „Unsere slowenischen Nachbarn profitierten von dem stärkeren Einfluss des pannonischen Klimas und waren deshalb nicht so stark vom Frost betroffen“, erzählt Winzer Erich Polz. Er überlegte zuvor, sich Trauben aus Niederösterreich zu besorgen: „Aber die Entfernung ist viel größer und wir Steirer haben in den vergangenen Jahren erfolgreich eine Regionsstilistik aufgebaut, da passt Niederösterreich nicht dazu. Wir wollen ja nichts Neues aufbauen.“

Zusammenhängendes Gebiet


Hannes Sabathi ist der gleichen Meinung: „In der Monarchie war das ja ein zusammenhängendes Weingebiet, die Region hieß Untersteiermark bzw. Spodnja Štajerska. Letztlich haben sich ja nur die Grenzen geändert, aber die geologischen und klimatischen Verhältnisse sind die gleichen geblieben. Die Unterschiede sind nicht allzu groß. Es macht zudem keinen Sinn für steirische Winzer, Trauben oder Wein im Weinviertel zu kaufen. Die Wege sind zu weit, und die Unterschiede sind viel größer.“ Tatsächlich gab es im Weinviertel Trauben zu kaufen, denn dort war der Frost auch nicht so schlimm.

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Grenzenlos


Es ist also kein Wunder, dass es gute Kontakte zwischen den Winzern über die Staatsgrenze hinweg gibt. Einige Steirer haben sogar ein zweites Weingut in Slowenien. „Dazu kommt, dass in den letzten Jahren viele der ganz großen Weinbaubetriebe in Slowenien von der Bildfläche verschwunden sind. Es gibt also ein großes Angebot an Trauben“, weiß Polz. Die Brüder Walter und Erich Polz entschieden sich mit ihrem Zweitbetrieb Tscheppe am Pössnitzberg sehr früh für diese neue Form der Nachbarschaftshilfe. „Das hatte zudem den Vorteil, dass wir bereits ab Mai die Arbeit in den Weingärten kontrollieren und mitbestimmen konnten und damit auch einen Einfluss auf die Qualität hatten“, betont Erich Polz. Für die slowenischen Weinbauern ein gutes Geschäft, denn die Trauben erzielten Höchstpreise. Für die Steirer bedeutete das zwar erhöhten Aufwand, aber es war notwendig, wie Polz erklärt: „Wir wollen natürlich Wein machen. Es gibt Partnerschaften, die man pflegen will, deshalb brauchen wir jedes Jahr Wein.“ Ähnlich war die Situation beim Weingut Dreisiebner Muster. Dessen Weinetiketten geben einen kleinen Hinweis auf die Lösung: „Freundeskreis“ steht da unter dem Namen. Und bei Tscheppe, das zum Weingut Polz gehört, findet man den Zusatz „& Friends“ in roter Schrift. Auch Sabathi-Weine aus dem Jahrgang 2016 findet man in den Weinregalen. Einzig die Farbe des Etiketts hat sich da ein bisschen geändert.

Reinhard Muster hat nicht nur auf Nachbarn gesetzt, sondern Freunde auf der ganzen Welt um Hilfe gebeten und dabei viel Arbeit investiert. Er suchte sich Regionen aus, in denen die gewünschten Sorten eine lange Tradition haben. So stammen Welschriesling und Weißburgunder aus Slowenien, der Muskateller kommt aus dem Piemont und der Sauvignon Blanc aus Neuseeland. Die Bezeichnung „Freundeskreis“ ist keine Übertreibung. „Es handelt sich tatsächlich um befreundete Winzer. Ich habe in diesen Weingütern auch für einige Zeit mitgearbeitet und damit die Stilistik der Weine mitbestimmt“, erzählt Reinhard Muster. „Es ist der saftigste Welschriesling der letzten Jahre von Tscheppe“, ist etwa Erich Polz von seinem 2016er überzeugt. Hannes Sabathi sagt über seine Weine aus Slowenien: „Sie sind jahrgangsbedingt eine Spur kräftiger, sehr gut in der Würze und sie passen hervorragend zu meiner Stilistik.“ Wer seinem steirischen Winzer treu bleiben will, kann also auch beim Jahrgang 2016 beruhigt zugreifen. Die Steirer hatten alle ein großes Interesse daran, ihrer Stilistik treu zu bleiben und haben gemeinsam mit Freunden aus aller Welt spannende Weine kreiert.