Ungarn

Wein aus Ungarn: Ein unterschätzter Klassiker

 

Obwohl der Weinbau im Laufe der Zeitgeschichte von zahlreichen Höhen und Tiefen geprägt war, ist er doch tief in der ungarischen Kultur verwurzelt. Den Grundstein legten die alten Römer, als das Land noch zur Provinz Pannonien gehörte – und schon im 13. Jahrhundert wurde Wein von Eger und Sopron in großen Mengen ins Ausland exportiert. Die Böden und klimatischen Gegebenheiten Ungarns sind die ideale Basis für den Weinbau – und das nicht nur für den gewerblichen, denn unzählige Hobbywinzer:innen haben auch ihren eigenen, kleinen Weingarten, den sie für den Eigenbedarf mit viel Liebe und Hingabe bewirtschaften. Wir entführen Sie auf eine kleine Entdeckungsreise in eines der traditionellsten Weinländer Europas, das oft ein bisschen vergessen wird.

 

Weinbau in Ungarn in Zahlen (Stand 2024):

  • Gesamte Rebfläche: 66. 000 ha
  • Weinproduktion/Jahr: 2,3 Mio hl
  • Weinexport: 1,2 Millionen Hektoliter
  • Pro-Kopf-Verbrauch: 24,4 Liter/Jahr hl

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Die Ungarn lieben ihren Wein: Selbst die Reblauskatastrophe, zwei Weltkriege und Jahrzehnte des Kommunismus konnten den Weinbau nicht stoppen. Seit 1989 und mit der Gründung des ersten Weinbauverbandes hat sich auch allerhand getan: Passé ist die Zeit der billigen Massenweine, Tradition, Handwerkskunst und Innovation werden groß geschrieben – und auch die Winzer:innen-Szene ist vielfältiger denn je. In unzähligen Privatkellereien und auf Spitzenweingütern mit internationalem Renommé entstehen heute feine Trinkweine und exquisite Tropfen mit hohem Reifepotential, die sich auch vor den Bordeaux aus Frankreich nicht verstecken müssen. Ob Rotwein, Weißwein, Rosé oder Schaumwein, die Weinvielfalt Ungarns hat für jeden Geschmack etwas Passendes parat. Und das meist immer noch zu einem ausgezeichneten Preis-Leistungsverhältnis.

Die Weinbauregionen Ungarns: Von Balaton bis Tokaji

Ungarn wird in 6 Weinbauregionen (Borrégió) mit insgesamt 33 Weinbaugebieten (Borvidék) unterteilt. Je nach geografischer Lage und Gebiet reicht die Bodenvielfalt von Sand, Löß, Lehm und Kalk bis hin zu Mergel und diversen Vulkangesteinen. Geprägt ist das Land vom Kontinentalklima, dennoch gibt es in den Regionen viele Kleinklimata, die den Weinbau maßgeblich beeinflussen – und regionsspezifische geschmackliche Ausprägungen hervorbringen, die für eine wunderbare Vielfalt im Weinregal sorgen.

 

Felső-Pannon (Ober-Pannonien)

Zwischen der österreichischen Grenze und Budapest erstreckt sich auf 5.500 Hektar Oberpannonien. Bereits seit der Römerzeit wird dort Weinbau betrieben – unter anderem begünstigt durch die Lage direkt an der wichtigsten Handelsroute nach Westen, was schon früh den Export der edlen Tropfen ermöglichte. Charakteristisch für diese Weinregion sind Kalk- und Lössböden sowie das kühle pannonische Klima, das von den feuchten Luftströmungen von Norden und den mediterranen Einflüssen aus dem Süden geprägt wird. Bekannt ist Oberpannonien für frische, säurebetonte Weißweine wie der für Mór typische Ezerjó, aber auch exzellente, gut strukturierte Rotweine werden hier gekeltert – oft mit hohem Reifepotential. Sekt wird hier ebenfalls traditionell produziert.

 

Felső-Magyarország (Ober-Ungarn)

Seit dem Mittelalter gibt es in der Weinbauregion Ober-Ungarn im Nordosten des Landes eine ausgeprägte Weinkultur. Charakterisiert wird das Gebiet von Kalk-, Ton- und Vulkanböden, aufgrund der Höhenlagen von 200 bis 500 Metern ist es dort etwas kühler – perfekte Bedingungen für eine bunte Vielfalt an Rebsorten, die von Cabernet Sauvignon bis Traminer reicht. Neben renommierten Rotweinen wie dem typisch ungarischen Stierblut (Cuvée aus Karkadas und Kékfrankos) aus Eger entstehen hier auch kraftvolle Weißweine, die anspruchsvolle Gourmets zu begeistern wissen.

 

Tokaji

Die Heimat des weltberühmten Tokaji Aszú ist weltweit in aller Munde – und nicht nur Ungarns berühmteste, sondern auch geschichtsträchtigste Weinbauregion. Schon Ende des 15. Jahrhunderts wurde der Tokajer Wein urkundlich erwähnt, 1641 erließ man ein Weingesetz für dessen Produktion und ein knappes Jahrhundert später wurde Tokajer bereits als erste geschützte Weinregion Europas klassifiziert. Auf den vulkanischen Böden im Nordosten des Landes entstehen aus den Hauptrebsorten Furmint und Hárslevelű vor allem exquisite Süß- & Dessertweine – denn das dort vorherrschende Mikroklima mit Frühnebel ist ideal für die Edelfäule.

Duna (Donau)

Duna, das sich weitläufig zwischen der Donau und der Theiß erstreckt, wurde 2006 offiziell als Weinbauregion klassifiziert. Einst eher bekannt für billigen Fusel und minderwertige Massenweine, hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges getan. Denn die für die Region typischen Sand- und Lössböden und das warme Klima eignen sich vorzüglich für einfache, leichte und fruchtige Trinkweine – vor allem in den südlichen Weinbaugebieten Hajós-Baja und Csongrád, wo die deutlich mineralhaltigeren Böden vielschichtige und ansprechende Tropfen hervorbringen. Mit einer Rebfläche von 24,000 Hektar ist es übrigens die größte Weinbauregion Ungarns – entsprechend wird auch der Großteil des Weins dort produziert, primär autochthone Varietäten wie Cserszegi Fűszeres und Ezerjó, aber auch Kékfrankos und Müller-Thurgau.

 

Pannon (Pannonien)

Gleich wie Ober-Pannonien geht auch der Weinbau im Südwesten Ungarns gelegenen Pannonien auf die alten Römer zurück. Das milde, mediterran beeinflusste Klima und die dort vorherrschenden Kalk-, Ton- und Lössböden sind ideale Grundlage für hochwertige Rotweine mit Reifepotenzial, insbesondere Cabernet Franc. Vor allem entlang der berühmten Weinstraße zwischen Siklós und Villány finden sich zahlreiche Spitzenweingüter, die mit international prämierten Weinen und echten Weinraritäten brillieren. Auch ein neuerer Trend in Richtung Naturwein ist in dieser Region spürbar, beflügelt vom Erfolg und dem wachsenden Interesse an neuen, innovativen Techniken.

 

Balaton (Plattensee)

Balaton gilt als eine der komplexesten Weinbauregionen Ungarns. Sie erstreckt sich rund um den Plattensee, wo das milde Seeklima mit kühlen Sommern, viel Sonne und dem richtigen Maß an Luftfeuchtigkeit die optimalen Bedingungen für den Weinbau bietet. Während im Norden vulkanische Böden vorherrschen, dominieren im Süden Mischböden aus Löss, Lehm und Kalk – perfekt für aromatische Weißweine wie Olaszrizling (Welschriesling) Juhfark und Furmint. Auch zunehmend frische Rotweine werden dort produziert, hauptsächlich in den nördlichen Weinbaugebieten.

Welche Rebsorten gibt es in Ungarn?

In Ungarn gibt es 223 registrierte Rebsorten, davon über 60 autochthone. Kaum überraschend: 70 % der gesamten Produktionsmenge entfällt auf Weißwein. Obwohl der Fokus stark auf internationalen Rebsorten liegt – darunter neben den bereits erwähnten auch Chardonnay, Merlot, Pinot Grigio, Muskateller, Riesling oder Grüner Veltliner – werden auch landestypische Rebsorten gehegt und gepflegt. Hier eine kleine Auswahl der wichtigsten Rebsorten in Ungarn:

 

Rote Rebsorten

  • Kékfrankos: Seit dem 18. Jahrhundert in Ungarn verbreitet, ist die Rebe relativ anspruchslos im Anbau und gut für verschiedene Böden geeignet. Aus ihr entstehen würzige, fruchtige Rotweine mit lebendiger Säure und mittlerem Tannin, die sich auch ideal für den Ausbau im Holz oder als Cuvée-Partner eignen – wie zum Beispiel im international bekannten “Egri Bikavér”, zu Deutsch “Stierblut”.

  • Kadarka: Sie ist eine der ältesten Rotweinsorten Ungarns und auch am Balkan anzutreffen – etwa in Mazedonien. Sowohl Anbau als auch Vinifikation der Trauben sind mit relativ hohem Aufwand und Fingerspitzengefühl verbunden, da die Rebe wenig robust und anfällig für Fäulnis ist. Jedoch: Durch hohe Winzerskunst entstehen aus den dünnhäutigen und tanninhaltigen Trauben Weine, die mit Noten von Paprika, Nelken, Pfeffer und Koriander glänzen – und mit hoher Lagerfähigkeit punkten.

  • Cabernet Franc: Bereits seit dem 19. Jahrhundert in Villány kultiviert und heute Aushängeschild der Region. Anspruchsvoll in Lage und Reifezeit. Liefert kraftvolle, tiefdunkle Rotweine mit Cassis-, Pfeffer- und Kräuternoten, die ein hohes Reifepotenzial aufweisen und ideal für den Ausbau im Barrique sind.

Weiße Rebsorten

  • Furmint: Bereits im Mittelalter bekannt, ist Furmint die wichtigste und am weitesten verbreitete Rebsorte in Tokaj. Sie erreicht erst spät ihre Reife und ist vielseitig vinifizierbar, was sie sowohl ideal als Basis für trockene, mineralische Weine mit hoher Säure als auch für edelsüße Aszú-Weine mit großem Reifepotential macht.

  • Hárslevelű: Die zweite alteingesessene Tokajer-Sorte besticht mit intensiver Aromatik. Entsprechend ihrem lieblichen Namen (zu Deutsch: Lindenblättrige) sind die Weine duftig, elegant und floral mit mildem Körper – und vor allem in edelsüßen Cuvées ein gern gesehener Bestandteil. Sie werden zunehmend aber auch trocken ausgebaut.

  • Juhfark: Die altungarische Rebsorte wird primär im Weinbaugebiet Somló (Balaton) kultiviert, ist begrenzt aber auch in anderen Teilen des Landes anzutreffen, wo es vulkanische Böden gibt. Aus ihr entstehen charaktervolle, säurebetonte Weißweine mit mineralischer Tiefe und großem Lagerpotenzial.

  • Ezerjó: Diese historische Rebe aus dem Weinbaugebiet Mór gilt als anspruchsvoll im Anbau, aber das Ergebnis rechtfertigt den Aufwand allemal. Denn aus ihr entstehen frisch-fruchtige, meist trockene Weißweine mit milder Säure und Aromen von Zitrusfrüchten, grünen Äpfeln und Kräutern. Kein Wunder, dass diese Qualitätsweine auch schon bei den alten Habsburgern großen Anklang fanden.

Qualitätsstufen ungarischer Weine im Überblick

Das ungarische Qualitätssystem ist im Weingesetz (“Magyar Bortörvény”) festgeschrieben und entspricht der 2009 erlassenen EU Weinmarktverordnung, die für alle europäischen Weinländer gilt:

FN (Földrajzi jelzés Nélküli)-Bor

Ersetzt die Bezeichnung Tafelwein (Asztali bor) für Weine ohne geschützte Herkunftsbezeichnung. Sie müssen zwar keine speziellen Anforderungen hinsichtlich Jahrgang, Rebsorte & Co. erfüllen, aber einen Alkoholgehalt von mindestens 8,5 % Vol. aufweisen.

OFJ (oltalom alatt álló földrajzi jelzés) – Landwein

Weine mit geschützter geografischer Angabe (“Tajborok”), die einen Mindestalkoholgehalt von 9 % vol. aufweisen und aus staatlich anerkannten Rebsorten aus den folgenden 6 festgelegten Anbaugebieten stammen müssen:

  • Balaton 
  • Balatonmelléki
  • Duna-Tisza közi
  • Dunántúli
  • Felső-Magyarország
  • Zemplén
OEM (Oltalom alatt álló Eredetmegjelölésű Bor) – Qualitätswein

Qualitätsweine (“Minőségi Bor”, “Védett eredetű Bor”) müssen bestimmte für Anbauregion, Rebsorte, Herstellverfahren und Jahrgang charakteristische Geschmacks- und Aromakomponenten aufweisen. Zudem ist ein Mindestalkoholgehalt von 10% Vol. vorgeschrieben. Alle Weine aus den 22 Weinbaugebieten Ungarns fallen automatisch darunter – und sind durch ein orange-rotes Siegel auf dem Etikett gekennzeichnet. 

Innerhalb der OEM-Kategorie gibt es darüber hinaus die Zusatzklassifikation “Különleges minőségű bor” (Wein besonderer Qualität), die zur Kennzeichnung besonders herausragender Weine herangezogen wird – zum Beispiel mit Prädikaten wie Ausbruch, Beerenauslese oder Trockenbeerenauslese. Typischerweise handelt es sich um Weine mit mehr Körper, Reifepotential und Komplexität, die zahlreiche Kriterien erfüllen müssen: So etwa sind für die Herstellung nur vollreife oder edelfaule Trauben zugelassen, der Mostzuckergehalt ist mit mindestens 190 g/l, der Alkoholgehalt mit mindestens 13% vol. vorgeschrieben.

OEM DHC (Districtus Hungaricus Controllatus)

Das ungarische Pendant zu den DAC-Regionen in Österreich wurde 2003 eingeführt und wird in drei Stufen eingeteilt: Classicus, Premium und Superpremium. Aktuell gibt es diese Klassifizierung nur für Weine aus Izsáki Arany Sárfehér und Villány, wobei die Gebiete vollkommen frei  festlegen können, welche Kriterien dafür genau erfüllt werden müssen.

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